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Wenn über Rassismus gesprochen wird und plötzlich von „Spaltung“ die Rede ist

Immer wieder wird behauptet, Bücher wie Was weiße Menschen nicht über Rassismus wissen wollen würden „die Gesellschaft spalten“. Diese Behauptung ist weder inhaltlich noch analytisch haltbar.

Sie sagt weniger über das Buch aus als über den Umgang mit struktureller Kritik.

1. Keine Fehllektüre sondern eine diskursive Umkehr

Die Annahme, die Benennung von strukturellem Rassismus sei das eigentliche Problem, folgt einem bekannten Muster:

  • Ein Werk, das Machtverhältnisse analysiert, wird selbst zum Störfaktor erklärt.
  • Das Unbehagen dominanter Gruppen wird als „gesellschaftliche Spaltung“ umgedeutet.
  • Strukturelle Analyse wird als moralischer Angriff fehlgelesen.

Das ist keine inhaltliche Auseinandersetzung. Es ist eine defensive Lesestrategie.

2. Wenn Schwarze Stimmen diese Argumentation übernehmen

Dass auch Schwarze Menschen solche Positionen vertreten, macht sie nicht neutraler oder analytisch richtiger.
In der Forschung ist dieses Phänomen gut beschrieben: internalisierter Rassismus.

Er zeigt sich u. a. darin,

  • dominante Narrative von „Einheit“, „Neutralität“ oder „Farbenblindheit“ zu reproduzieren,
  • strukturelle Gewalt zugunsten vermeintlicher Harmonie zu relativieren,
  • Kritik als „zu viel“, „unnötig“ oder „gefährlich“ zu markieren.

Internalisierter Rassismus erklärt, warum solche Aussagen gemacht werden.
Er macht sie jedoch nicht zutreffend.

3. Die „Spaltungs“ These hält keiner Analyse stand

Aus wissenschaftlicher und politischer Perspektive ist das Argument strukturell fehlerhaft:

a) Es verwechselt Beschreibung mit Ursache
Rassismus spaltet Gesellschaften bereits.
Seine Benennung erzeugt diese Spaltung nicht sie macht sie sichtbar.

b) Es setzt Schweigen mit Zusammenhalt gleich
Empirisch zeigt sich das Gegenteil:
Schweigen stabilisiert bestehende Machtverhältnisse.
„Einheit“ ohne Gerechtigkeit ist keine Kohäsion, sondern Komfort für Privilegierte.

c) Es rezentriert weiße Bequemlichkeit
Implizit wird von rassifizierten Menschen erwartet,

  • Ungleichheit still zu tragen,
  • Sprache zu vermeiden, die Unbehagen auslöst,
  • sozialen Frieden über Wahrheit zu stellen.

Das ist keine Einheit.
Das ist Disziplinierung.

4. „Wann waren wir eigentlich vereint?“ keine Provokation, sondern Analyse

Wenn weiße Menschen sagen, Gespräche über Rassismus würden „spalten“, stellt sich eine nüchterne Frage:

Wann genau waren wir eigentlich vereint und für wen?

Diese Frage ist keine Polemik. Sie ist eine soziologische Intervention.

Denn das beschworene Bild von Einheit war historisch meist gebunden an:

  • unhinterfragte rassiale Hierarchien,
  • weiße Normen als Selbstverständlichkeit,
  • die Erwartung, dass rassifizierte Menschen sich anpassen, aushalten oder dankbar bleiben.

Diese „Einheit“ existierte nur, weil Ungleichheit nicht benannt wurde.

Wenn heute Unbehagen entsteht, ist das keine Spaltung. Es ist Exposition.

5. Warum das Argument fast immer aus dominanten Positionen kommt

Es ist kein Zufall, dass der Vorwurf der Spaltung überwiegend von jenen kommt, die vom Status quo profitieren.

Denn aus privilegierter Position gilt:

  • Schweigen als Harmonie,
  • Kritik als Störung,
  • Machtbenennung als persönlicher Angriff.

Für jene, die von dieser vermeintlichen Einheit nie geschützt waren, hat sich die Realität nicht verändert.
Sie ist lediglich sprechbar geworden.

6. Zum Schluss – eine Klarstellung

Das Buch spaltet nicht.
Die Spaltung existiert längst.

Was als „Teilung“ beklagt wird, ist oft nichts anderes als das Ende der Bequemlichkeit.

Zu sprechen ist keine Aggression.
Zu benennen ist kein Angriff.
Und Schweigen ist niemals neutral.

Ob man darauf reagiert oder nicht,
ist keine moralische Frage sondern eine strategische Entscheidung.

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